12
Mai
2019
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Ausstellung „Haltung“ von Dominik Butzmann

Kunst in Privatwohnungen – wie wirkt das? Was macht es mit den Besuchern, wenn sie nicht in einem White-Cube, sondern in privaten Räumen stehen? Seit 2016 veranstalten Jeannette Hagen und Marc Eichner in ihrer Wohnung die „Privat Residential Gallery Hours“ – ein Abend, an dem ein/e Künstler*in die eigenen Werke präsentieren kann. Am 11.05.2019 stand der Abend im Zeichen von „Kunst für Demokratie“.

 

Hier die Laudatio von Jeannette Hagen:

Bevor ich etwas mehr zu dieser Ausstellung sage, bitte ich Euch, ein paar Sekunden innezuhalten und zu überprüfen, wie ihr steht. Aufrecht? Mit beiden Beinen fest auf dem Boden? Angelehnt? Schutzsuchend in den Armen eines anderen? Was Worte verschweigen, verrät der Körper. Und so sind wir schon mittendrin, denn Haltung ist zunächst einmal etwas sehr Körperliches. So kann man nicht gebeugt gehen, wenn man sich freut oder aufrecht, wenn man niedergeschlagen ist. Das wusste schon Charlie Brown als er mit gesenktem Kopf und krummen Rücken zu Sally sagte:

 

„So stehe ich, wenn ich deprimiert bin.

 

Wenn du deprimiert bist, ist es ungeheuer wichtig, eine ganz bestimmte Haltung einzunehmen.

 

Das Verkehrteste, was du tun kannst, ist aufrecht und mit erhobenem Kopf dazustehen, weil du dich dann sofort besser fühlst.

 

Wenn du also von deiner Niedergeschlagenheit etwas haben willst, dann musst du so dastehen…“

 

Haltung ist verräterisch, denn selbst wenn wir uns bemühen, sie zu verändern, schleicht sie sich stets durch die Hintertür wieder herein, denn unsere Haltung, das, woran uns andere schon auf einhundert Meter Entfernung erkennen, ist nichts, was uns fest angeboren ist – wir erwerben sie oder wie der deutsche Dichter Erich Limpach sagte: Haltung ist lebendig gewordene Tradition aus unsichtbaren Quellen.
Das bringt uns auch gleich zur nächsten Bedeutung – zur Haltung gegenüber Themen. Auch sie erwerben wir und zwar nicht, indem wir unsere Fähnchen nach dem Wind drehen, sondern indem wir das, was wir erleben, sehen, fühlen, mit unseren eigenen Werten abgleichen. Das braucht Zeit, Bereitschaft und manchmal braucht es Mut, denn eine Haltung zu zeigen, selbst wenn der Gegenwind bläst, das schafft nicht jeder. Das will auch nicht jeder, denn es kann unbequem und anstrengend sein.

 

Muss ein Fotograf Haltung zeigen? Gestern Abend lief auf Arte eine Dokumentation über Sting. Er sagte: „Wenn Du berühmt bist, musst Du eine klare Haltung zeigen.“ Er hat das zum Beispiel getan, indem er sich für den Brasilianischen Urwald eingesetzt und damit viele seiner Fans dort verloren hat, weil sie in der Holzbranche arbeiten.

 

Zeigt Dominik Haltung? Ich kann die Frage mit einem klaren ja beantworten, nicht – weil ich ihn schon etwas länger kenne, als die meisten von Euch hier, sondern weil man es in seinen Aufnahmen sieht. Ihr habt Euch vielleicht gefragt, warum wir ihn ausgewählt habe, heute Abend hier seine Fotografien zu zeigen – Fotografien von Politikern? Wer braucht das, außer der Spiegel, die ZEIT oder der Stern?

 

(@) Dominik Butzmann

 

Wir sage ich, denn Dominik gelingt etwas, das nicht viele können: Er zeigt die Menschen hinter der Pose. Er zeigt das, was sicher nicht jeder, der fotografiert wurde, in sich sehen will. Und trotzdem ist genau das schön, denn es ist ehrlich. Damit solche Bilder gelingen, muss man auch hinter der Kamera Haltung einnehmen. Und man muss den anderen dazu einladen, sich zu zeigen. Vielleicht sogar, ohne dass er es merkt. Und so entsteht Begegnung. Vor und hinter der Kamera und zwischen Fotografie und Betrachter. Man kann gar nicht anders, als sich näher zu kommen. Vielleicht auch, um dann die Distanz zu erkennen, die zwischen einem selbst und dem anderen liegt. Vielleicht aber auch die Nähe.

 

Ich glaube, wenn uns in der heutigen Zeit etwas fehlt, dann ist es Nähe. Zu uns selbst, zu anderen und ja, auch zu Politikern. Wenn wir uns nah sind, kann Verständnis entstehen. Erst dann haben wir die Möglichkeit, den anderen wirklich zu sehen. Als Mensch. Erst dann haben wir die Möglichkeit zu erkennen, woher eine Haltung kommt. Ich habe Alexander Gauland nicht ohne Grund über eine Kommode gehängt, die aus einem Kindergarten kommt. Die Kinder mit Farbe bemalt haben. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber wenn ich ihn durch Dominiks Linse betrachte, sehe ich einen traurigen Mann. Einen, der sein Herz verschließen musste, um zu überleben.

 

(@) Dominik Butzmann

 

So könnten wir jedes Bild durchgehen und immer würde sich ein Aspekt finden, der eine Tür öffnet. Damit sind Dominiks Bilder Möglichkeiten, für einen Moment in den Schuhen des anderen zu gehen, seine Haltung zu erkennen und eine eigene einzunehmen.

 

DANKE DAFÜR!

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